Des Kaisers altes Leiden

Foto: Jenny Becker

Brunnenfigur von Kaiser Maximilian auf dem Reutlinger Marktplatz

Da steht er, der Kaiser, mit stolz geschwellter Brust, und keiner sieht ihn. Er hat sich auf eine Säule gestellt, mitten auf den Reutlinger Marktplatz. Hoch wie die braunen Kastanienbäume hebt er sich aus der Menge. Unter ihm ein Meer aus gestreiften Stoffdächern, es ist Markttag, der Kaiser bekommt Gesellschaft von Kürbissen, Karotten und Kohl. Die Menschen laufen in bunten Windjacken über das Kopfsteinpflaster, ihre Blicke huschen über Salate in grünen Kisten, das Schild am Brunnenrand bleibt unbeachtet. „Kaiser Maximilian II“, ist darauf zu lesen, „1527-1576.“ Doch wer interessiert sich schon für einen Kaiser, wenn es frische Äpfel zu kaufen gibt? Versteinert hält sich der Kaiser aufrecht, mit so viel Würde, wie es eben geht, wenn man eine Brunnenfigur ist und Strumpfhosen mit Ornamenten trägt. Eine zerzauste Taube setzt sich auf seinen Krempenhut und blickt großäugig über den Platz, als sei es ihr Reich. Der Kaiser seufzt, das Brunnenwasser zu seinen Füßen plätschert.

Da! Ein grauhaariges Ehepaar bleibt stehen. Sie schauen auf das Schild, die Frau hebt einen Fotoapparat vor ihr Gesicht, hinauf in Richtung des Kaisers. Er bläht die Brust ein wenig mehr. Die Frau starrt auf das Display, es macht Klick!, dann gehen beide weiter. Sie haben ihn nicht angeschaut.

Im Rücken des Kaisers liegt die Touristeninformation. Dort weiß man alles über Reutlingen, all die wichtigen Dinge, die man den Menschen mitteilen muss über die Geschichte der Stadt. Die blonde Dame am Schreibtisch blickt jeden Tag durch den verglasten Eingang auf den Markt hinaus. Jetzt schaut sie verwirrt und kneift die Augen zusammen. „Kaiser Maximilian?“ Sie blättert im City Guide Reutlingen, dann im Baedeker Reiseführer, dann beugt sie sich nah an den Bildschirm und tippt Fragen ins Internet. Den Kaiser vor ihrer Tür hat sie noch nie gegrüßt. Zu seinen Füßen auf der Brunnentafel steht: „Er gab der Stadt 1576 ihre Demokratische Verfassung zurück“.

Ort: Reutlingen, Marktplatz