Großes Kichern

Es gibt einen Baum im Volkspark Friedrichshain, der weiß genau, was die Berliner im Innersten bewegt. Er trägt ihre Wünsche zwischen seinen Blättern. Die Menschen besuchen ihn und hängen Zettel an seine Zweige, darauf stehen ihre geheimen Sehnsüchte, befestigt mit bunten Geschenkbändern. Der Baum nimmt sie schweigend entgegen und hält sie den Passanten hin – Hier, lies!

Zwei Teenagerinnen kommen der Aufforderung nach. Sie blättern durch die Zweige, wie durch die Seiten eines Klatschblatts. „Guck mal hier!“, „Guck mal da!“ Die Dienstagnachmittagsonne scheint auf ihre kurzen Röcke und lässt Haarsprayduft von den Köpfen aufsteigen.

Auf die Ecke eines Papptellers hat jemand gekritzelt: „Triple Orgasm.“ Großes Kichern.

Auf einem Kassenzettel von Deichmann steht: „Mehr Verständnis für das, was wir sind, was wir lieben, leben, zelebrieren. Denn die Welt ist BUNT!“ Kichern.

Auf der Rückseite eines BVG Tickets steht: „Ich wünsche mir die Liebe meines Lebens.“ Ironisches Seufzen.

Da joggen zwei schlaksige Jungs vorbei, begleitet von HipHop-Beats aus einem iPod. Ihre Blicke bleiben an den beiden jungen Frauen hängen. Augenkontakt. Die Jungs traben ein bisschen lässiger, die Mädchen stehen ein bisschen gerader. Ihre Wünsche lassen sich ganz ohne Zettel lesen. Zehn Sekunden später sind die Beats verklungen, die Mädchen schweigen und trotten nachdenklich davon. Der Baum schüttelt sich. Kichernd.

Erschienen in Der Tagesspiegel, am 28.06.2014