Hier findest du Auszüge aus einigen meiner Reportagen:
Nur 45 Minuten, dann wird sein Leben anders sein. Auf den blauen Polstersitzen der Regionalbahn fährt Christoph dem Essener Hauptbahnhof entgegen. Vor dem Fenster ein grauer Tag, flaches Land, Ruhrgebiet. Dieselbe Strecke ist seine Mutter vor mehr als 24 Jahren gefahren, um sich den Samen eines Fremden in die Gebärmutter spritzen zu lassen. Christoph, schmal und blass, will den Mann treffen, der damals in einen Becher ejakuliert hat. Vor zwei Jahren sagte seine Mutter: Dein verstorbener Papa war unfruchtbar. Du bist durch eine anonyme Samenspende entstanden. – Die Zeit
Herr Blutner schließt die Tür zum Büro. „Haben Sie das gehört?“, fragt er, im Gesicht ein Bubenlächeln. Was meint er bloß? Da steht er mit der Hand an der Klinke, der Mann, von dem die Zeitungen schreiben, er sei einer der bekanntesten Sounddesigner des Landes. „Das ist wie eine Verzauberung!“, sagt er und öffnet die Tür wieder. „Zwei einzelne Geräusche – und zusammen ergeben sie ein Bild.“ Er zieht die Tür heran, ein saugendes Schmatzen am Türrahmen, ein Klicken am Schloss. Die Tür ist zu. Blutner ist begeistert. – Das Magazin
Mein Rucksack steht in der Ecke wie ein schmollendes Kind. Nichts was er mir bietet, darf ich anrühren: nicht das Handy, den dicken Roman, den Reiseführer über Thailand, den mp3-Player voller Musik. Merken würde es keiner, wenn ich mich den ganzen Nachmittag ins Bett lege und lese, schlafe, telefoniere. Aber wer will schon Mönche betrügen? Oder schlimmer noch, sich selbst? Es liegt allein in meiner Verantwortung, genauso wie die tägliche Meditationspraxis und das Aufstehen. Beängstigend. – Emotion
„Schizophrenie“, sagt der Arzt und Rolf, mutlos geworden, ist es egal, wie er es nennt. „Sie müssen Tabletten nehmen, dann verschwinden die Stimmen.“ Die Stimmen lachen sich darüber kaputt. Wichser, Wichser, Wichser. Der schiebt sich den ganzen Tag Kerzen in den Arsch. Der ist hilflos, der kann nichts tun. Rolf sitzt reglos auf seinem Bett in der psychiatrischen Abteilung der Vivantes-Klinik, er starrt auf den Linoleumboden, ohne hinzusehen. Es ist, als hätte jemand einen riesigen Samtvorhang aufgezogen, zu einer dunklen Welt, die nur für ihn sichtbar ist, eine Bühne am Rand des Bewusstseins. Mit körperlosen Figuren, die schreien und ein Spektakel aufführen. Und nie fällt der Vorhang. Risperidon, Haldol, Zyprexa, nichts hilft. Seine Augenhöhlen kommen ihm wie geplünderte Vogelnester vor, niemand mehr drin. Er drückt eine Zigarette an der dünnen Haut seines Unterarms aus, um zu spüren, was real ist. – Berliner Zeitung
Seit es die neue Landebahn gibt, fliegen die Flugzeuge so tief über Flörsheim wie nirgendwo sonst in Deutschland. Zweihundertfünfzig Meter über dem Boden. Und die Menschen hängen ihr Leben nach dem Wind. Bei Westwind öffnen sie die Fenster und sitzen in den Gärten. Dann gibt es nur die startenden Maschinen, die liegen höher in der Luft. Bei Ostwind sagen die Flörsheimer Grillpartys ab. Er bringt die landenden Flieger. Silke Bolender, 40, mit mädchenhaftem Zopf und Bergseeaugen, ist hier geboren. Wie ihre Mutter, und deren Mutter, und deren Mutter. Bei der Beerdigung ihrer Oma stand die Familie auf dem kleinen Friedhof, die Bäume wiegten sich im Ostwind, und der Pfarrer unterbrach die Grabrede alle 90 Sekunden. Im Takt der Flugzeuge. Auf Flörsheimer Friedhöfen klingt der Satz „Ruhe in Frieden“ jetzt irgendwie unpassend. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Er hat nicht einmal den Mantel abgelegt, schon stürzen seine Gedanken ganze Jahrzehnte in die Geschichte Syriens zurück. Habib Saleh steht im Türrahmen seines Wohnzimmers in Berlin-Charlottenburg, sehr aufrecht und ein wenig außer Atem, obwohl er die Stufen in den ersten Stock bedächtig hinaufgestiegen ist. Vielleicht wiegen seine 65 Jahre schwerer als andere. Sein Wortschwall spült mehrere Militärputsche ins Zimmer, die Machtübernahme durch Hafiz al-Assad, das Regime seines Sohnes und Nachfolgers Baschar, Unterdrückung und Korruption. Dabei war die Frage nur, wie er geschlafen habe. – Neues Deutschland
Weitere Stilproben gefällig? Meine Urbanen Miniaturen sind Mini-Kurztexte, die einen Augenblick im Stadtleben sprachlich einfangen.